Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren
 

Letztes Feedback


http://myblog.de/kiviricik

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Sturzflug

„Sie dachte an die schwammige Theorie, derzufolge man nichts unternehmen sollte, solange man im Sinken begriffen war, sondern warten, bis man den Grund berührte, von dem man sich abstoßen konnte, um wieder an die Oberfläche zu gelangen.“

(Gelesen in „Zusammen ist man weniger allein“ von Anna Gavalda)

 

Vielleicht höre ich heute besser nicht mit dem Rauchen auf. Zwar erscheint mir die Formulierung „im Sinken begriffen sein“, in Anbetracht der letzten Woche eher wie eine Verniedlichung. Aber den Grund habe ich noch nicht erreicht.

Innerhalb einer Woche habe ich es geschafft, zwei meiner Ex-Freunde zu kontaktieren.  Aus purer Langeweile. Wobei das Wort Ex-Freund in beiden Fällen ein wenig übertrieben ist.

Mit Mark war ich im letzten Jahr vier Monate zusammen. Vier leidenschaftliche Monate, in denen wir uns insgesamt 6 Mal getrennt haben. Beim 7. Mal haben wir uns eingestanden, dass es eben nicht funktioniert mit uns. Das heißt, streng genommen hat er es sich eingestanden. Wobei er es nicht mehr für nötig gehalten hat, mir diesen Entschluss noch in irgendeiner Form mitzuteilen. Nach zwei Wochen kompletter Ignoranz meiner Nachrichten, Anrufe, E-Mails und Türklingler war die Botschaft dann auch bei mir angekommen.

Nachdem diese frustrierende 7. Trennung einigermaßen überwunden war, verbachte ich die zweite Jahreshälfte damit, vergeblich zu versuchen, Alex davon zu überzeugen, dass Bindungsangst heilbar ist, sobald die Richtige (ich) vor ihm steht. Dass in diesem Fall auch seine manisch-depressive Persönlichkeitsstörung in den Hintergrund geraten werde, da unsere Gefühle für einander jede noch so große Hürde überwinden würden. Auch von den Drogen werde er aus eigener Überzeugung die Finger lassen, wenn er seinen Gefühlen nur endlich freien Lauf lasse. In diesem Fall war ich diejenige, die - nachdem ich monatelang die Coole, Unkomplizierte und Verständnisvolle gespielt hab – die Einsicht zeigte. Ob das bei ihm eine Depression oder Manie ausgelöst hat, weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls hat er meinen Schlussstrich ohne zu klagen akzeptiert.  Hach, Alex. Das mit uns hätte etwas ganz Großes werden können.

Diese beiden Herzensbrecher aus dem Jahr 2013 habe ich also Anfang der Woche kontaktiert. Ganz locker, ganz cool, ganz freundlich. „Hi, ich wollte nur mal hören, wie es dir geht“. Erst den Einen. Und als die Antwort auf sich warten ließ den Anderen. Eine Grenzüberschreitung senkt die Hemmschwelle, man kennt das. Resultat: Beide haben geantwortet. Keiner zeigte auch nur einen Anflug von Euphorie. Mit beiden verblieb ich unverbindlich bei einem eventuellen Treffen am Wochenende. Keiner von beiden traf sich mit mir.

Es ist Sonntagabend und ich befinde mich im freien Fall.

Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ich den Grund berühre,  mit großem Knall aufpralle. Ich sehe ihn bereits auf mich zu rasen. Den Grund.  Und bis es soweit ist, werde ich weiter rauchen.

Allen Carr – möge er in Frieden ruhen – wird sich jetzt wahrscheinlich im Grab umdrehen und laut rufen: „Jetzt!  Genau jetzt ist der richtige Moment zum Aufhören! Wenn du dich jetzt von der Sucht befreist, lösen sich damit auch alle deine anderen Probleme mit einem mal in Luft auf!“

Und so sehr ich diesen Mann und sein Werk verehre – meine Mutter schaffte es mit seiner Hilfe nach 35 Jahren mit dem Rauchen aufzuhören – in meinem Fall, irrte er sich. Das Problem ist nämlich, dass ich keine Probleme habe.  

Es geht mir gut. Ich bin Ende 20, gesund, habe einen soliden Job, in dem ich erfolgreich bin, und der mir sogar Spaß macht.  Von dem Geld, das ich verdiene, kann ich einigermaßen leben. Und das Beste:  Meine Kollegen sind wunderbar. Zumindest die meisten. Alles so, wie man es sich wünscht.

Ich habe auch eine tolle Wohnung, die komplett nach meinem Geschmack eingerichtet ist.  Altbau mit Dielen. Drei Zimmer. Bad mit Wanne und Fenster. Balkon. 90 Quadratmeter. Nur für mich. Bei meinem Einzug vor 4 Jahren war sowas in Berlin auch mit Durchschnittsgehalt noch möglich.

Aber nicht nur das. Ich habe auch viele, tolle Freunde. Freundinnen zum stundenlangen analysieren von Herzensangelegenheiten. Zum Lachen, Weinen, Lästern, shoppen gehen. Eine Clique für den gemeinsamen  Urlaub, zum Feiern, Grillen, DVD-Abend machen, Kettenmails bei Whatsapp verschicken, Quizduell spielen.  Freunde, die beim Renovieren helfen. Und Freunde, denen mein Rat wichtig ist. Kurzum: Freunde für alle Lebenslagen. Es geht mir gut.

Und nun, lieber Herr Carr, stellen Sie sich bitte mal vor, ich höre mit dem Rauchen auf. Und würde gar anfangen regelmäßig zum Sport zu gehen. Dann hätte ich am Ende des Monats sogar noch Geld übrig, um meinen trainierten Körper neu einzukleiden. Oder endlich ein bisschen was anzusparen. Meine Haut würde strahlen und ich würde die langsam einsetzende Faltenbildung für ein paar Jahre aussetzen können. Ich würde nach einer durchzechten Nacht viel weniger Kopfschmerzen haben und meine Küche würde nach Citrus-Reiniger duften, anstatt nach abgestandenem Rauch.  Ich hätte beim Verlassen der Wohnung nicht diese panische Angst, eine glühende Zigarette könne das gesamte Haus nieder brennen. Ganz zu schweigen von der Angst, einen qualvollen Lungenkrebs-Tod zu sterben. Lieber Herr Carr, das hört sich wirklich alles sehr verlockend an. Aber sagen Sie mir bitte, wenn ich dieses fürchterliche Laster ablege, was bleibt mir dann?

Womit soll ich dann diese Leere begründen, die mein Inneres füllt? Was kann dann als Grund herhalten, für das Gefühl, ewig unzulänglich zu sein. Schwach. Inkonsequent. Erbärmlich. Dann müsste ich mir am Ende eingestehen, dass das einzige, was mir wirklich zu meinem Glück fehlt, ein Mann an meiner Seite ist. Dass ich ein frustrierter Single bin, der nicht allein sein kann. Der nicht mit sich selbst im Reinen ist. Der sein Glück in jemand anderem sucht. Dort, wo es bekanntlich nicht zu finden ist.

Nein, Mr. Carr., noch befinde ich mich im freien  Fall. Noch ist nicht der richtige Zeitpunkt, mit dem Rauchen aufzuhören. Der Glimmstängel muss noch ein wenig herhalten als Ursache allen Übels.  Bis ich ganz unten angekommen bin. Und mich mit Schwung abstoßen kann. Hoch an die rauchfreie Oberfläche.

Und wissen Sie was? Es besteht Hoffnung. Koray habe ich diese Woche nicht kontaktiert. So weit ging die Verzweiflung noch nicht.

Koray, meine große Liebe. Der Grund ist in Sicht.

9.4.14 20:13


Arschloch

Gestern rief meine Schwester an. Das kommt ungefähr einmal im Jahr vor. Sie fragte, ob ich am Abend Zeit für sie hätte. Sie brauche jemanden zum Reden. Beziehungskrise. Das kommt ungefähr alle fünf Jahre vor.

Oh oh. Hatte er sie betrogen? Oder gar verlassen? Ach was! Undenkbar. Denn was meine Schwester und er hatten, galt gemeinhin als Vorzeigebeziehung. Das perfekte Match. Gleiche Interessen, ähnlich rosige berufliche Situation, identische Zukunftsvisionen. Gemeinsame und eigene Freundeskreise. Gemeinsame und eigene Hobbies. Eifersucht ein Fremdwort. Hach ja.

So beruhigte ich mich damit, dass es womöglich zur Zankerei gekommen war, weil er die Zahnpastatube zum X-ten Mal offen liegen gelassen hatte. Oder den Müll nicht rausgetragen hat. Traumpärchensorgen. Man kennt das.

So hatte ich mir bereits ein Repertoire an klugen Sprüchen zurecht gelegt („das kommt in den besten Ehen vor“, „so sind Männer eben“, „rühr doch mal eine Woche lang gar nichts an im Haushalt, dann wird er schon merken, was du alles" )als wir am Abend - gewappnet mit zwei Tiefkühlpizzen, einer Falsche Wein und Chilli-Schokolade - in meiner Küche saßen und sie sagte:

„Ich habe Andreas betrogen.“

Dafür hatte ich nun ausgerechnet keinen Spruch parat. Sie erzählte, sichtbar bestürzt, wie es dazu gekommen war. Eine kleine Flirterei mit einem Kollegen, der selbst in einer Beziehung sei. Sie hatte es lange nicht für erforderlich gehalten, eine Bremse zu ziehen, da sie sich sicher gewesen war, dass es eh nie gefährlich werden könnte. Und dann war es plötzlich passiert. Es war kein Alkohol im Spiel. Viel Schlimmer. Gefühle.

Und, überwältigt von dem Gefühls-Cocktail aus Ekel und Fassungslosigkeit über die eigene Bösartigkeit, Trauer und Mitleid für Andreas sowie andererseits die Verliebtheit für diesen Kollegen, habe sie Andreas ihre Tat nur wenige Tage später in einer Kurzschlussreaktion gestanden. Und weil Andreas, dem mit einem Mal der Boden unter den Füßen weggerissen worden war, zu verstehen gegeben hatte, dass er um die Beziehung kämpfen wolle, und sie ihm diese Erniedrigung ersparen wollte, habe sie - ebenfalls kurzschlussartig - Schluss gemacht.

Da saß sie also, meine geliebte Schwester. Single. Von einem Tag auf den anderen. Und erschreckender Weise, geriet die Trauer um Andreas ziemlich schnell in den Hintergrund unseres Krisengesprächs. Im Fokus stand der Kollege. Auch er sei dazu bereit, seine Freundin zu verlassen. Ende gut alles gut. Sie müsse sich nur entscheiden. Mit einer verschämten Hilflosigkeit gestand sie mir,  sie sei verliebt. Könne an nichts anderes denken. Kriege das Verlangen nicht in den Griff.  Alle paar Minuten sah sie aufs Handy, ob er sich meldet. Und jedes Mal, wenn sie auf ihr Handy sah, hatte er sich gemeldet.

Kaum zu fassen. Seit 2,5 Jahren sehne ich mich genau danach. Verliebt sein. Gegenseitiges Verliebt sein. Den zweiten Frühling in Folge frage ich mich schon, wann es mich endlich mal wieder treffen wird. Und dann trifft es die, die es am wenigstens wollte. Die in diesem Augenblick so viel dafür getan hätte, dass es sie nicht getroffen hätte.

Nachdem ich mir noch ein paar kluge Sprüche abgemüht hatte („Hör auf dein Herz“, „überstürze nichts“, „Bring die Sache sauber zu Ende), dachte ich im Bett noch lange über diese Geschichte nach.

Wenn man mit Ende 20 unfreiwillig Single wird und nicht nahtlos wieder den Sprung in die Welt der Paare schafft, dann entwickelt sich das Leben schnell wie in diesem Kartenspiel.  „Arschloch“, in anderen Breitengraden wohl auch als „Bettler“ bekannt.

Ziel ist es, als erster seine Karten abzulegen, um zum König (oder auch Präsidenten) aufzusteigen. Der letzte ist das Arschloch. Und das bleibt er in aller Regel auch für eine ganze Weile. Denn er ist dazu verdammt, seine besten Karten zu Beginn einer jeden Partie an den König abzugeben. Und – viel schlimmer – mit dessen schlechtesten Karten zu spielen.

Wie im wahren Leben. Zu Beginn der Partie gibst du deine zwei besten Karten ab:

1. Die beste Karte: Dein Selbstvertrauen (der Ex hat dich verlassen, er wollte dich nicht mehr! Die Beziehung ist gescheitert, weil du Beziehungsunfähig bist! Seine neue ist bestimmt viel klüger, schöner, lustiger)

2. Die zweitbeste Karte: Deine Leichtigkeit und Unbeschwertheit (mit 30 wolltest du doch eigentlich so langsam die Familienplanung beginnen. Der nächste muss unbedingt der Richtige sein!)

Das waren meine Karten, die ich zum Start meiner Singleühase vor zwei Jahren abgetreten habe. Alternativ könnten hier auch andere beliebte Karten stehen, wie z.B. Würde, Kompromissbereitschaft, Vertrauen, Hoffnung oder Anspruch.

Die beiden besten Karten sind also weg. Als Dank bekommst du die Scheiße vom König. Frust, Resignation, Misstrauen, Eifersucht, Festgefahrenheit, Kompromisslosigkeit. Irgendwas, was so richtig schön scheiße ist. Such dir was aus.

Und nun musst du dich durchbeißen, mit dem, was bleibt: Miese Karten und ein wenig Hoffnung auf das große Glück. Ab und an steigst du sogar zum Vize-Arschloch auf. Du erlebst eine Geschichte, die dich für einen kurzen Moment hoffen lässt. Ein One-Night-Stand. Eine Affäre. Eine Freundschaft Plus. Die leise Hoffnung steigt in dir auf, dass du mit der richtigen Strategie in die Welt der Könige (glückliche Paare) oder wenigstens Vize-Könige (zufriedene Vernunftbeziehungen) aufsteigen könntest. Vorübergehend schnupperst du die Luft dort oben. Aber ohne deine beste Karte, wirst du diesen Zustand nicht lange halten können. Und so spielst du ein, zwei Runden in der höheren Liga mit, bis der nächste Absturz kommt. Und es wird neu gemischt. Die Karten erneut getauscht.

Einmal richtig in der Singlewelt angekommen, hilft auch die beste Strategie nicht weiter. Was zählt sind die Scheißkarten in der Hand. Was man braucht ist Glück. Nur großes Glück kann dir dazu verhelfen, mit schlechten Karten den Aufstieg in die Welt der Paare zu schaffen.

Meine Schwester ist eine Königin. Mit einem ohnehin schon starken Blatt, bekommt sie die zwei besten Karten ihrer Mitspieler. Selbstvertrauen und Sicherheit. Sie hat die freie Wahl. Sie ist unschlagbar.  

Es sind die ungünstigen Voraussetzungen. Arschloch bleibt Arschloch. 

Zeit, die Karten neu zu mischen.

 

27.5.14 22:28





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung