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Sturzflug

„Sie dachte an die schwammige Theorie, derzufolge man nichts unternehmen sollte, solange man im Sinken begriffen war, sondern warten, bis man den Grund berührte, von dem man sich abstoßen konnte, um wieder an die Oberfläche zu gelangen.“

(Gelesen in „Zusammen ist man weniger allein“ von Anna Gavalda)

 

Vielleicht höre ich heute besser nicht mit dem Rauchen auf. Zwar erscheint mir die Formulierung „im Sinken begriffen sein“, in Anbetracht der letzten Woche eher wie eine Verniedlichung. Aber den Grund habe ich noch nicht erreicht.

Innerhalb einer Woche habe ich es geschafft, zwei meiner Ex-Freunde zu kontaktieren.  Aus purer Langeweile. Wobei das Wort Ex-Freund in beiden Fällen ein wenig übertrieben ist.

Mit Mark war ich im letzten Jahr vier Monate zusammen. Vier leidenschaftliche Monate, in denen wir uns insgesamt 6 Mal getrennt haben. Beim 7. Mal haben wir uns eingestanden, dass es eben nicht funktioniert mit uns. Das heißt, streng genommen hat er es sich eingestanden. Wobei er es nicht mehr für nötig gehalten hat, mir diesen Entschluss noch in irgendeiner Form mitzuteilen. Nach zwei Wochen kompletter Ignoranz meiner Nachrichten, Anrufe, E-Mails und Türklingler war die Botschaft dann auch bei mir angekommen.

Nachdem diese frustrierende 7. Trennung einigermaßen überwunden war, verbachte ich die zweite Jahreshälfte damit, vergeblich zu versuchen, Alex davon zu überzeugen, dass Bindungsangst heilbar ist, sobald die Richtige (ich) vor ihm steht. Dass in diesem Fall auch seine manisch-depressive Persönlichkeitsstörung in den Hintergrund geraten werde, da unsere Gefühle für einander jede noch so große Hürde überwinden würden. Auch von den Drogen werde er aus eigener Überzeugung die Finger lassen, wenn er seinen Gefühlen nur endlich freien Lauf lasse. In diesem Fall war ich diejenige, die - nachdem ich monatelang die Coole, Unkomplizierte und Verständnisvolle gespielt hab – die Einsicht zeigte. Ob das bei ihm eine Depression oder Manie ausgelöst hat, weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls hat er meinen Schlussstrich ohne zu klagen akzeptiert.  Hach, Alex. Das mit uns hätte etwas ganz Großes werden können.

Diese beiden Herzensbrecher aus dem Jahr 2013 habe ich also Anfang der Woche kontaktiert. Ganz locker, ganz cool, ganz freundlich. „Hi, ich wollte nur mal hören, wie es dir geht“. Erst den Einen. Und als die Antwort auf sich warten ließ den Anderen. Eine Grenzüberschreitung senkt die Hemmschwelle, man kennt das. Resultat: Beide haben geantwortet. Keiner zeigte auch nur einen Anflug von Euphorie. Mit beiden verblieb ich unverbindlich bei einem eventuellen Treffen am Wochenende. Keiner von beiden traf sich mit mir.

Es ist Sonntagabend und ich befinde mich im freien Fall.

Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis ich den Grund berühre,  mit großem Knall aufpralle. Ich sehe ihn bereits auf mich zu rasen. Den Grund.  Und bis es soweit ist, werde ich weiter rauchen.

Allen Carr – möge er in Frieden ruhen – wird sich jetzt wahrscheinlich im Grab umdrehen und laut rufen: „Jetzt!  Genau jetzt ist der richtige Moment zum Aufhören! Wenn du dich jetzt von der Sucht befreist, lösen sich damit auch alle deine anderen Probleme mit einem mal in Luft auf!“

Und so sehr ich diesen Mann und sein Werk verehre – meine Mutter schaffte es mit seiner Hilfe nach 35 Jahren mit dem Rauchen aufzuhören – in meinem Fall, irrte er sich. Das Problem ist nämlich, dass ich keine Probleme habe.  

Es geht mir gut. Ich bin Ende 20, gesund, habe einen soliden Job, in dem ich erfolgreich bin, und der mir sogar Spaß macht.  Von dem Geld, das ich verdiene, kann ich einigermaßen leben. Und das Beste:  Meine Kollegen sind wunderbar. Zumindest die meisten. Alles so, wie man es sich wünscht.

Ich habe auch eine tolle Wohnung, die komplett nach meinem Geschmack eingerichtet ist.  Altbau mit Dielen. Drei Zimmer. Bad mit Wanne und Fenster. Balkon. 90 Quadratmeter. Nur für mich. Bei meinem Einzug vor 4 Jahren war sowas in Berlin auch mit Durchschnittsgehalt noch möglich.

Aber nicht nur das. Ich habe auch viele, tolle Freunde. Freundinnen zum stundenlangen analysieren von Herzensangelegenheiten. Zum Lachen, Weinen, Lästern, shoppen gehen. Eine Clique für den gemeinsamen  Urlaub, zum Feiern, Grillen, DVD-Abend machen, Kettenmails bei Whatsapp verschicken, Quizduell spielen.  Freunde, die beim Renovieren helfen. Und Freunde, denen mein Rat wichtig ist. Kurzum: Freunde für alle Lebenslagen. Es geht mir gut.

Und nun, lieber Herr Carr, stellen Sie sich bitte mal vor, ich höre mit dem Rauchen auf. Und würde gar anfangen regelmäßig zum Sport zu gehen. Dann hätte ich am Ende des Monats sogar noch Geld übrig, um meinen trainierten Körper neu einzukleiden. Oder endlich ein bisschen was anzusparen. Meine Haut würde strahlen und ich würde die langsam einsetzende Faltenbildung für ein paar Jahre aussetzen können. Ich würde nach einer durchzechten Nacht viel weniger Kopfschmerzen haben und meine Küche würde nach Citrus-Reiniger duften, anstatt nach abgestandenem Rauch.  Ich hätte beim Verlassen der Wohnung nicht diese panische Angst, eine glühende Zigarette könne das gesamte Haus nieder brennen. Ganz zu schweigen von der Angst, einen qualvollen Lungenkrebs-Tod zu sterben. Lieber Herr Carr, das hört sich wirklich alles sehr verlockend an. Aber sagen Sie mir bitte, wenn ich dieses fürchterliche Laster ablege, was bleibt mir dann?

Womit soll ich dann diese Leere begründen, die mein Inneres füllt? Was kann dann als Grund herhalten, für das Gefühl, ewig unzulänglich zu sein. Schwach. Inkonsequent. Erbärmlich. Dann müsste ich mir am Ende eingestehen, dass das einzige, was mir wirklich zu meinem Glück fehlt, ein Mann an meiner Seite ist. Dass ich ein frustrierter Single bin, der nicht allein sein kann. Der nicht mit sich selbst im Reinen ist. Der sein Glück in jemand anderem sucht. Dort, wo es bekanntlich nicht zu finden ist.

Nein, Mr. Carr., noch befinde ich mich im freien  Fall. Noch ist nicht der richtige Zeitpunkt, mit dem Rauchen aufzuhören. Der Glimmstängel muss noch ein wenig herhalten als Ursache allen Übels.  Bis ich ganz unten angekommen bin. Und mich mit Schwung abstoßen kann. Hoch an die rauchfreie Oberfläche.

Und wissen Sie was? Es besteht Hoffnung. Koray habe ich diese Woche nicht kontaktiert. So weit ging die Verzweiflung noch nicht.

Koray, meine große Liebe. Der Grund ist in Sicht.

9.4.14 20:13
 


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